
Tansania mit vier Sinnen: Der holländische Veranstalter Wesemann Travel stellt Reiseprogramme von Gehörlosen für Gehörlose zusammen
„Ich bin der Sohn tauber Eltern,“ erzählt Jos „eigentlich sind alle in der Familie taub - meine Eltern, meine Onkel, Tanten, Cousinen und Cousins, Großeltern etc. Nur mein Bruder und ich wurden mit einem Gehör geboren.“ Wir sind mit der Zeichensprache und der Gehörlosenkultur aufgewachsen.
Jos’ Vater war bis zu seinem Ruhestand für die niederländische Kentalis-Stiftung in der Ausbildung von Gehörlosen tätig. Er sitzt im Vorstand der World Federation of the Deaf und ist immer noch in der Entwicklungshilfe in Afrika aktiv. Im Jahr 2009 begleitete Jos ihn auf eine Reise nach Tansania, wo er an einigen Projekten arbeitete.
Unter anderem besuchten sie die Insel Sansibar, wo sie von der lokalen Gehörlosen-Gemeinschaft empfangen wurde, die ihren gesamte Aufenthalt organisierte hatte. Nicht nur Hotels, Transfers und Tagesausflüge, sondern auch besondere Veranstaltungen wie ein Fussballmatch und ein Besuch in einer Schule für taube Kinder standen auf dem Programm.
„Da die Gebärdensprache von Land zu Land variiert, haben die Tansanier mir ein paar Zeichen ihrer Sprache beigebracht, sodass ich kommunizieren konnte,“ erinnert sich Jos. Er wurde zum Essen eingeladen, traf die Familien und hörte viele Lebensgeschichten. Der Enthusiasmus dieser Menschen, ihr Organisationstalent und die Authentizität dieser Treffen beeindruckte Jos so, dass er sich vornahm, Touren mit diesen Menschen zu organisieren.
Seit 2010 steht das Programm, das vorerst in den Niederlanden angeboten wird, später aber auch in Deutschland und Österreich verfügbar sein soll. Deshalb verbringt Jos die Sommermonate in Tansania, um die ersten Reisegruppen persönlich zu empfangen. Vorwiegend sind es kleine Gruppen von sieben bis zwölf Reisenden, sogar ein Hochzeitspaar hat sich angekündigt. Sämtliche Touren werden von der lokalen Gehörlosen-Gemeinschaft in Kooperation mit lokalen Reiseveranstaltern organisiert. Jos ist da, um die tauben Gastgeber im doch noch etwas ungewohnten Umgang mit Touristen aus Europa auszubilden. „Nach diesem Sommer werden sie ihre Gäste ohne meine Hilfe betreuen können,“ ist Jos optimistisch.
Die meisten hörenden „Outsider“ halten es für eine Behinderung, taub zu sein, was es im Prinzip ja auch ist. Was die meisten Menschen nicht verstehen: es ist auch eine Kultur. Gehörlose teilen eine gemeinsame Sprache, typische Verhaltensmuster und Überzeugungen. Zwischen tauben Menschen aus aller Welt besteht eine Verbindung. Wenn eine gehörlose Person aus Holland oder Österreich einen gehörlosen Menschen aus Tansania trifft, verstehen sie sich sofort. Sie erkennen einander als Gleichgesinnte. Besucher werden schnell als Teil der Gruppe akzeptiert.
Während es normalerweise sehr schwer ist, auf Reisen rasch zu einem sozialen Netzwerk Zutritt zu bekommen und ein Teil von ihm zu werden, passiert das bei Gehörlosen fast automatisch. Aber auch für kulturinteressierte Menschen mit Gehör, und selbst für jene, die nichts mit Gehörlosen zu tun haben, kann das ein sehr interessantes Reiseerlebnis sein.
Einen Teil der Einnahmen investiert Jos in lokale Projekte – vorwiegend für Ausbildung - um die Berufschancen und den Lebensstandard der Gehörlosen-Gemeinschaft zu verbessern. Nach dem erfolgreichen Start des Tansania-Programms schaut Jos zuversichtlich in die Zukunft: “Wir möchten bald eine Stiftung ins Leben rufen, die das Bewusstsein für die Kultur Gehörloser erhöhen und einen internationalen Austausch ermutigen soll. Neben Tansania sollen noch andere Destinationen ins Programm aufgenommen werden. Israel, aber auch Städteziele wie Rom oder Berlin sind geplant. Die Webseite von Wesemann Travel (www.wesemanntravel.com) ist derzeit nur auf Holländisch verfügbar; eine englische und eine deutsche Webseite sollen bis Ende 2011 fertig sein. Englische Infos erteilt jos@wesemanntravel.com.
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