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Kreuzfahrten: Eine Branche in Bewegung


von Marcus Bauer

Im März fand in England eine Konferenz zur Verantwortung von Kreuzfahrttourismus statt. Eingeladen hatte das International Center for Responsible Tourism, um so zur Diskussion über mögliche positive Beiträge der Industrie beizutragen. Ein Blick in die Branche zeigt, wo die Herausforderungen liegen und wie vorausschauende Vertreter sich rechtzeitig anpassen.

Wenn ein CEO von einem Privileg spricht, mit seinen Schiffen in unberührte Gewässer fahren zu dürfen und daraus eine besondere Verantwortung ableitet, dann reflektiert das mitunter schlicht strategisches Denken. Die Umweltauflagen werden strenger und Behörden werfen ein wachsames Auge auf die Branche. An Land werden mancherorts Stimmen nach einer besseren Einbindung der Lokal-Bevölkerung laut. Die Strategien im Umgang mit derartigen Rahmenbedingungen variieren. Sie reichen von vertikaler Integration der Infrastruktur und dem Inkaufnehmen von Verwarnungen und Strafen hin zu freiwilligen Klimaabgaben, Umweltbeauftragten an Bord und Nachhaltigkeitsstrategien für den Landgang. Fest steht: Die Branche ist in Bewegung.

Abfall ungeklärt?

Eine „Kleinstadt“ mit mehreren Tausend Einwohnern verbraucht so einiges an Wasser und Energie und produziert allerhand Müll. Noch sind nicht alle Schiffe mit modernen Schmutzwasser- und Müllentsorgungs-Systemen ausgestattet. Aber Umweltverträglichkeit ist bei einigen Anbietern zu einem wichtigen Thema geworden. Statt stark schwefelhaltigen „Bunker-Fuels“ benutzen manche Cruise-Lines wenn möglich Bio-Treibstoffe. Biologisch abbaubare Reinigungsmittel und Mülltrennung haben auf Schiffen Einzug gehalten. Es ist mittlerweile Usus, Müll an Land zu entsorgen, anstatt ihn einfach über Bord zu werfen und in den ersten Schiffen werden Aufzüge mit Solarenergie betrieben. Solche Maßnahmen macht die Kreuzfahrtbranche zwar nicht zum weltweiten Öko-Vorreiter. Noch immer verhängt die US-Umweltbehörde regelmäßig Strafen gegen Umweltsünder. Aber man erkennt an, dass man eine Verantwortung hat. Das Image einer schmutzigen Industrie passt nicht zu den sanft dahin gleitenden Ozeanriesen. Mit Bildern von verschmutzten Küsten mag heute niemand mehr von sich reden machen.

Ausgezeichnet

Dann schon lieber mit Wettbewerbs-Trophäen. Bei Crystal Cruises sparen regelmäßige Energie- und Beleuchtungs-Audits Geld und auch das Schmutzwasser-Management wurde modernisiert. Kürzlich wurde ein Schiff der Gesellschaft für dieses Umwelt-Engagement vom Hafen Stockholm mit dem "The Environmental Buoy Award" ausgezeichnet. Seit 2008 werden herausragende Kreuzfahrt- und Fährgesellschaften auch in einer eigenen Kategorie beim Responsible Tourism Award prämiert. Die Gewinner 2010 werden im November beim World Travel Market in London vorgestellt. Besonders kleine Gesellschaften versuchen mit einer stärkeren Einbindung der lokalen Bevölkerung in den Destinationen und einer bestmöglichen Öko-Bilanz auf die steigende Nachfrage nach nachhaltigen Kreuzfahrtreisen zu reagieren.

An Ufern und Küsten

Bei Flusskreuzfahrten sind solche Bestrebungen meist einfacher umzusetzen als auf hoher See: Die Distanzen sind kürzer, die Schiffe sind kleiner, die Verteilung der Touristen ist weniger massiert. Da die Touren durchgehend in staatlichen Binnengewässern stattfinden, ist auch der Rechtsrahmen für Umweltmaßnahmen viel strikter als im offenen Meer. Es ist zudem wesentlich einfacher lokale Angebote ins Reiseprogramm einzubinden. Flüsse sind Lebensadern, deren Ufer schon seit jeher Menschen angezogen haben und an denen eine Vielzahl von Sehenswürdigkeiten aufwartet. Verglichen mit den wenigen neuralgischen Punkten, an denen zehntausende von Touristen pro Jahr die Antarktis betreten, ist die Besucherlenkung relativ einfach und die Gefahr negativer Einflüsse durch den Menschen – sei es sozial oder ökologisch – recht gering. 

Alle Mann von Bord?

Viele Gäste finden in den Shoppingzentren, Gastromie-Meilen und Unterhaltungsangeboten der schwimmenden Luxushotels genau das, was sie sich von ihrer Kreuzfahrt erwarten. Die Schiffe selbst sind die Destination, die so mancher am liebsten überhaupt nicht verlassen will. Für andere Gäste macht eine Kreuzfahrt dagegen erst dann Sinn, wenn man auch von Bord geht, und Sehenswürdigkeiten, Land und Leute besucht. Bei der Vielzahl unterschiedlicher Interessen stellen Landgänge eine herausfordernde Situation dar. Sicherheit und Logistik müssen kombiniert werden mit dem Wunsch der Gäste, mehr oder wenig intensiv mit der lokalen Kultur in Berührung zu kommen. Während dem einen das Essen gar nicht authentisch genug sein kann, ist es für den anderen etwas zu regional-typisch. Und bei all dem gilt es, die lokale Bevölkerung wirtschaftlich an der Wertschöpfung teilhaben zu lassen. Die Segmentierung des Angebots bietet Möglichkeiten. Wie intensiv wollen die Gäste ihren Landgang erleben und sich auf die Destination einlassen? Eine klare Kommunikation verschiedener Optionen und eine gute Schulung über die zu erwartenden Erlebnisse machen Sinn. Für Destinationen, Veranstalter und Gäste. Anstatt einen unzufriedenen Gast an Bord zurückzuschicken, den Tour-Anbieter in Regress zu nehmen und das Image der Destination zu verunglimpfen, gewinnen alle, wenn ein solcher Gast ausschließlich an Bord bleibt. Dort ist er zufriedener, der Umsatz der Schiffslinie ist höher und der Druck auf die Destination sinkt.

Durch’s Fernglas

Die Zugangsrechte zur Küste liegen bei den Staaten und diese könnten in Zukunft diejenigen fahrenden Hotels bevorzugen, die ihnen den größten Nutzen bringen. Schon heute sammeln Schiffe Müll an entlegenen Küsten ein und bringen ihn zu qualifizierten Recycling- und Entsorgungs-Betrieben. Ist es für einen der Riesen eine Schwierigkeit mehr mitzunehmen, als er mitgebracht hat, wenn sein Bauch leer ist? In einigen Häfen schalten Schiffe mittlerweile die Motoren ab und beziehen Strom von Land. In Gemeinschaftsprojekten könnten ausreichende Quellen erschlossen werden, um eine Stromversorgung für mehrere Tausend Passagiere und einige Tausend Bewohner gleichermaßen aufzubauen. In Zukunft werden Controller auch die Frage stellen, auf wie viel Luxus man an Bord verzichten kann, ohne am Komfort einzubüßen. Schon aus ökonomischen Gründen. Zum Einkauf regionaler Produkte ist es noch ein weiter Weg. Es wird noch eine Zeitlang dauern, bis bei Kaufentscheidungen die Umweltbilanz eine größere Rolle spielt als der Preis. Und dies gilt auch für die Reiseentscheidung. Aber es ist bereits Bewegung in der Branche. (MB-07/2010)

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